Arbeit(slos)

Seit ein paar Tagen bin ich also offiziell „arbeitslos“ oder soll ich lieber „frei“, „offen für neue Herausforderungen“ oder „selbstständig“ sagen? Welches Wort ich auch verwende, der Sinn bleibt der gleiche: ich gehe momentan keiner geregelten Beschäftigung nach, von der ich mir ein Einkommen erhoffen kann – zumindest vorerst nicht. Und das in einer Gesellschaft und einem Umfeld, in welcher der Job unendlich viel bedeutet. Wenn man in der Schweiz oder auch sonst auf Reisen Europäer und Europäerinnen kennen lernt, dann ist die Frage nach der Beschäftigung nicht weit entfernt. „Was machst du so [wenn du nicht gerade auf Reisen bist]?“ – erwartet wird dann auch zeitgleich eine Antwort auf: „Wer bist du?“ – wobei diese Frage so niemand stellen würde.

Klar, ein Grossteil des Lebens besteht aus Arbeit und somit Zeit und können für Lohn einzutauschen. Mit den Arbeitskollegen verbringt man meist mehr Zeit als mit dem Partner, da man sie häufig 5 x 8-10 Stunden um sich hat. Den Partner hingegen maximal abends und am Wochenende sieht, wenn beide nicht noch anderweitig beschäftigt sind. Manche Arbeitskollegen und -kolleginnen zähle ich zu meinen Freunden und manche sogar zu meiner weiten „Familie“. Das passt für mich so, aber heisst es auch gleich, dass ich durch meinen Job definiert werden sollte? Dass mein Beruf und mein eigenes Ich austauschbar sind?  Und wer bin ich dann ohne meinen Job? Immerhin kann ich mich noch an meine Berufsbezeichnung klammern – Marketing Mangerin – denke jedoch, dass ich so viel mehr bin als nur mein Job oder meine Arbeit, auch wenn sie mir extrem wichtig ist.

Als ich 2002 nach meiner Australienreise ca. 1.5 Monate auf Jobsuche war, hat es sich schrecklich angefühlt. Ich war jung, voller Tatendrang, hatte eine erlebnisreiche Zeit in Sydney nach meiner Matur bzw. Abitur hinter mir und wollte bis zum Beginn des Studiums irgendwo anpacken und etwas leisten. Natürlich hatte ich ausser meinem Abi noch kaum einen Leistungsausweis abgelegt, hatte bis dahin nur Teilzeitjobs und hatte deshalb Mühe etwas Passendes zu finden. Ich fühlte mich unbrauchbar und fragte mich ständig, was ich denn in meinem Bewerbungen falsch machte. Das Selbstwertgefühl leidet, wenn man ständig nur Absagen kriegt, ohne eine Einladung zu einem Gespräch. Heute weiss ich natürlich, dass es so kommen musste, schlussendlich habe ich dann auch eine Stelle gefunden, die mich bis heute geprägt hat. Trotzdem kann ich Jugendliche ohne Lehrstelle sehr gut verstehen.

Bisher hat sich das Gefühl von damals noch nicht eingestellt. Vielleicht, weil ich noch nicht auf der Suche bin, weil ich weiss, dass ich noch ein halbes oder ganzes Jahr Schonfrist habe und mir vorerst „meinen eigenen Job“ als Bloggerin und Reisende schaffen kann – zwar ohne Verdienst, aber darauf bin ich eingestellt. Ich hoffe jedoch, dass dieses Gefühl auf sich warten lässt, weil ich weiss, dass da draussen irgendwo eine Arbeit auf mich wartet, die mich wieder erfüllt und herausfordert. Aber alles zu seiner Zeit.

Es gibt ein englisches Sprichwort: „don’t cross the bridge until you come to it“ – man soll die Brücke nicht überqueren, bevor man überhaupt zu ihr gelangt. Daran will ich mich halten und über die Zukunft vorerst keine Sorgen machen.

2 Gedanken zu “Arbeit(slos)

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